WDF*IDF: was die Formel misst und was sie nicht kann
WDF*IDF ist eine der wenigen SEO-Kennzahlen mit einer nachvollziehbaren Formel. Genau das macht sie gefährlich: Eine Zahl, die man ausrechnen kann, wird gern zum Ziel — auch wenn sie nie eines war.
Was die beiden Teile berechnen#
WDF — Within Document Frequency. Wie oft kommt ein Wort in diesem Text vor, gemessen an dessen Länge? Der Wert wird logarithmisch gedämpft: Die zehnte Wiederholung zählt deutlich weniger als die zweite. Damit gewinnt kein Text dadurch, dass er ein Wort hundertmal nennt.
IDF — Inverse Document Frequency. Wie selten ist das Wort im Gesamtbestand? Ein Wort, das in fast jedem Dokument vorkommt, bekommt einen niedrigen Wert; ein seltenes einen hohen. „Und" trägt nichts zur Unterscheidung bei, „Ionentauscher" sehr viel.
Das Produkt hebt Wörter hervor, die hier häufig und anderswo selten sind — also solche, die diesen Text von anderen unterscheiden.
Die Idee stammt nicht aus dem Suchmaschinenmarketing, sondern aus dem Information Retrieval; TF*IDF wird dort seit den 1970er-Jahren verwendet. In der deutschen SEO-Szene wurde die WDF-Variante ab etwa 2012 populär.
Wofür sie tatsächlich taugt#
Als Lückensuche im Vergleich, nicht als Zielwert für den eigenen Text.
Wenn zehn gut platzierte Texte zu einem Thema alle einen Begriff führen, den der eigene nicht kennt, ist das ein Hinweis — meist kein Ranking-Hinweis, sondern ein inhaltlicher. Ein Text über Netzteile, in dem „Wirkungsgrad" nicht vorkommt, hat wahrscheinlich etwas ausgelassen, das der Leser erwartet.
Genau so ist die Kennzahl brauchbar: Sie zeigt Begriffe, über die man noch nicht nachgedacht hat. Was man mit dem Hinweis anfängt, entscheidet man selbst.
Warum ein Zielkorridor der falsche Umgang ist#
Die üblichen Werkzeuge zeigen einen Balken mit einem grünen Bereich und laden dazu ein, den eigenen Text hineinzuschieben. Drei Gründe, warum das in die Irre führt:
Erstens: Der Korridor beschreibt den Wettbewerb, nicht die Qualität. Er ist der Mittelwert dessen, was gerade oben steht. Wer sich hineinschreibt, wird dem Durchschnitt der ersten Seite ähnlicher — das ist selten das Ziel.
Zweitens: Die Formel kennt keine Bedeutung. Sie zählt Zeichenketten. Ob ein Begriff im Text erklärt, in einer Aufzählung steht oder in einem Cookie-Hinweis, ist ihr gleich. Suchmaschinen arbeiten seit Jahren mit Verfahren, die Bedeutung und Zusammenhang erfassen; eine reine Häufigkeitsstatistik bildet davon nichts ab.
Drittens: Der Korpus stimmt nicht. Das IDF setzt einen Gesamtbestand voraus. Jedes Werkzeug nimmt einen anderen — meist die ersten Treffer zur Suchanfrage. Deshalb liefern zwei Werkzeuge zum selben Text unterschiedliche Werte, und keiner davon ist der, mit dem eine Suchmaschine rechnet.
Ein Text, der auf einen Korridor optimiert wurde, liest sich, als wäre er auf einen Korridor optimiert worden. Das merkt der Leser vor der Suchmaschine.
Der brauchbare Arbeitsablauf#
- Den eigenen Text zuerst schreiben, ohne Kennzahl.
- Danach mit den bestplatzierten Texten vergleichen und die Begriffe herausschreiben, die dort vorkommen und hier nicht.
- Jeden einzeln prüfen: Fehlt hier wirklich etwas? Meist sind zwei oder drei echte Lücken dabei und ein Dutzend Wörter, die nur zufällig oft auftauchen.
- Die echten Lücken schließen — im Text, nicht in einer Wortliste.
Was dabei nicht hilft: den eigenen Text so lange umzuschreiben, bis eine Zahl passt.
Wo es hingehört#
WDF*IDF ist ein Diagnosewerkzeug für einen einzelnen Text. Es sagt nichts über Struktur, Ladezeit oder Verlinkung — und es ersetzt keine Themenplanung. Wer wissen will, welche Texte überhaupt entstehen sollten, ist bei Themenclustern besser aufgehoben, und die Reihenfolge der Arbeiten steht in den On-Page-Grundlagen.
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