KI

llms.txt: Was der Vorschlag bringt und wem nicht

· 9 Min. Lesezeit

Am 11. September 2026 haben wir 29 Domains dieselbe Frage gestellt: Existiert dort /llms.txt? Bei 13 kam eine Datei zurück. Zwölf davon sind Entwicklerdokumentationen — Stripe, Cloudflare, Vercel, Next.js, Svelte, GitHub, die Doku-Seiten von Anthropic, OpenAI und Perplexity. Die einzige deutsche Verbraucher-Marke mit einer Datei war dm.de.

Nicht gefunden haben wir sie unter anderem bei google.com, heise.de, telekom.de, otto.de, datev.de und haufe.de. 29 Domains sind keine Verbreitungsstatistik. Aber die Stichprobe zeigt ein Muster, das in fast allen Anleitungen fehlt: llms.txt ist bisher vor allem eine Sache von Dokumentationsseiten für Entwickler.

Dieser Beitrag beantwortet drei Fragen: Was der Vorschlag ist, wer ihn tatsächlich auswertet, und ob du deine Zeit dafür einsetzen solltest.

Die kurze Antwort vorweg#

llms.txt ist ein Vorschlag aus der Community, kein Standard einer Suchmaschine und kein verabschiedetes Protokoll. Google wertet die Datei ausdrücklich nicht aus. OpenAI und Perplexity verweisen Seitenbetreiber in ihrer eigenen Crawler-Dokumentation auf die robots.txt, nicht auf llms.txt.

Wenn du eine technische Dokumentation betreibst, die Entwickler mit KI-Werkzeugen lesen, ist die Datei sinnvoll. Wenn du eine Unternehmens-Website, einen Shop oder ein Magazin betreibst und dir davon Sichtbarkeit in KI-Antworten versprichst, ist sie verlorene Zeit.

Was der Vorschlag ist#

Jeremy Howard, Mitgründer von Answer.AI, hat llms.txt am 3. September 2024 veröffentlicht. Die Spezifikation liegt inzwischen in Fassung v2 vor, zuletzt geändert am 10. August 2026.

Der Gedanke dahinter ist technisch nachvollziehbar. Ein Sprachmodell hat ein begrenztes Kontextfenster, und eine HTML-Seite besteht zu großen Teilen aus Navigation, Skripten und Layout. Wer ein Modell auf eine Dokumentation loslässt, verbrennt einen erheblichen Teil des Fensters mit Beiwerk. llms.txt soll ihm stattdessen eine aufgeräumte Landkarte in Markdown hinlegen: hier steht was, in dieser Reihenfolge.

Die Datei ist damit keine Anweisung an einen Crawler, sondern ein Angebot an ein Programm, das ohnehin schon auf deiner Domain ist.

Wer sie nachweislich auswertet — und wer ausdrücklich nicht#

Hier ist die Datenlage dünn, und das gehört gesagt. Was dokumentiert ist:

AnbieterWas die eigene Dokumentation sagt
Google SearchWertet llms.txt ausdrücklich nicht aus
OpenAINennt für Seitenbetreiber nur die robots.txt
PerplexityNennt für Seitenbetreiber nur die robots.txt
EntwicklerwerkzeugeLesen die Datei, wenn ein Nutzer sie ihnen nennt

Google ist der einzige Anbieter mit einer klaren, schriftlichen Aussage. Im Leitfaden Optimizing for generative AI search (Stand 10. Juli 2026) steht llms.txt unter der Überschrift „Mythbusting generative AI search: what you don't need to do“. Wörtlich: „You don't need to create new machine readable files, AI text files, markup, or Markdown to appear in Google Search (including its generative AI capabilities), as Google Search itself doesn't use them.“

Und für alle, die sie trotzdem behalten wollen: „Doing so will neither harm nor help your site's visibility or rankings in Google Search, as Google Search ignores them.“ Die Datei schadet also nicht. Sie wirkt nur nicht.

Bei OpenAI und Perplexity muss man genauer hinsehen. Beide erwähnen llms.txt — aber in eigener Sache. Ganz oben in der Crawler-Dokumentation von Perplexity steht ein Verweis auf das eigene Dokumentationsverzeichnis. Was für Seitenbetreiber gilt, steht darunter, und dort geht es ausschließlich um robots.txt und Nutzeragenten wie PerplexityBot. Bei OpenAI ist es genauso: eigene llms.txt für die eigene Doku, robots.txt als Empfehlung an andere.

Ein großer Teil der sichtbaren Verbreitung ist gar keine Entscheidung. Mintlify, eine verbreitete Plattform für Entwicklerdokumentation, legt llms.txt und llms-full.txt automatisch an — auch für die Doku-Seiten von Anthropic und Perplexity. Wer aus der Existenz solcher Dateien auf eine bewusste Strategie schließt, schließt falsch.

Der Unterschied zur Crawler-Steuerung#

Diese Verwechslung ist die häufigste, und sie ist folgenreich: llms.txt und robots.txt klingen ähnlich und tun nichts Ähnliches.

Die robots.txt ist eine Erlaubnis oder ein Verbot. Sie entscheidet, ob GPTBot deine Seiten überhaupt abrufen darf — eine Wirkung, die du in deinen Server-Logs nachprüfen kannst.

llms.txt ist ein Inhaltsverzeichnis. Sie erlaubt nichts, verbietet nichts, sperrt niemanden aus. Wer deine Seite nicht crawlen darf, liest auch deine llms.txt nicht. Und wer sie crawlen darf, kommt auch ohne sie an deine Inhalte.

Welche Crawler es gibt, was das Aussperren kostet und wie die Einträge korrekt aussehen, steht in unserem Beitrag zur Steuerung von KI-Crawlern über die robots.txt. Das ist die Entscheidung mit Wirkung. llms.txt ist sie nicht.

Wenn du sie trotzdem anlegst: der Aufbau#

Die Spezifikation ist kurz. Pflicht ist genau ein Element — die H1. Alles andere ist Konvention:

# Name der Website

> Ein Satz, der erklärt, worum es geht und was ein Leser hier findet.

Optionaler Fließtext ohne Überschriften.

## Leistungen

- [SEO-Beratung](https://example.de/seo/): Was dort steht, in einem Halbsatz.
- [Schulungen](https://example.de/schulungen/): Dito.

## Optional

- [Impressum](https://example.de/impressum/): Kann übersprungen werden.

Reihenfolge. H1, Blockquote, optionaler Text ohne Überschriften, H2-Abschnitte mit Linklisten. Jeder Listeneintrag ist ein Markdown-Link, optional gefolgt von einem Doppelpunkt und einer Beschreibung.

Der Abschnitt ## Optional hat eine feste Bedeutung: Was dort steht, darf ein Programm weglassen, wenn der Platz knapp wird.

Wo die Datei liegt. Im Wurzelverzeichnis, also https://deine-domain.de/llms.txt. Erlaubt ist auch ein Unterpfad; die Datei gilt dann für alles darunter, und bei mehreren gewinnt die genauere.

llms-full.txt steht nicht in der Spezifikation. Das ist der Punkt, an dem die meisten Anleitungen ungenau werden. llms.txt ist die Landkarte, llms-full.txt der gesamte Inhalt in einer einzigen Datei — eine verbreitete Konvention, aber kein Teil des Vorschlags. Wie unhandlich das wird, zeigt Cloudflare: llms.txt rund 16 KB, llms-full.txt gut 57 MB. Svelte liefert deshalb zusätzlich llms-medium.txt und llms-small.txt aus. Eine Konvention, die drei Größenstufen braucht, ist keine gelöste Sache.

Der Punkt, an dem die meisten Anleitungen aufhören#

Eine Datei anzulegen dauert eine Stunde. Sie aktuell zu halten dauert dauerhaft. Und eine llms.txt, die nach drei Monaten nicht mehr zum Seiteninhalt passt, ist schlechter als keine: Sie verkauft einem Programm, das ihr glaubt, falsche Beschreibungen und tote Links als verlässliche Auskunft.

Ein echtes Beispiel: In der llms.txt von dm.de trägt der Eintrag für „Tipps und Trends“ dieselbe Beschreibung wie der darüber — eine Liste aller Marken. Im Kopf stehen zwei H1 statt einer, die Überschriften sind als ##Sortiment ohne Leerzeichen geschrieben und damit kein gültiges Markdown, und im Titel steht „dorgerie-markt“. Kein Vorwurf an dm: Das ist der Normalfall bei einer Datei, die niemand ausliest und deshalb niemand gegenprüft.

Wenn du eine anlegst, brauchst du also einen Auslöser. Sie wird beim Bau erzeugt, aus derselben Quelle wie deine Navigation oder deine Sitemap, nicht von Hand gepflegt. Alles andere veraltet, und zwar in Wochen.

Wo llms.txt aufhört#

Hier zerbrechen die Erwartungen, mit denen die meisten auf das Thema stoßen.

Sie verschafft keine Sichtbarkeit. Eine llms.txt beschreibt Inhalte, die ein Modell entweder ohnehin schon gefunden hat oder gar nicht erst findet. Sie ist ein Inhaltsverzeichnis, kein Vertriebsweg. Wenn deine Seiten nicht indexiert sind, nicht verlinkt werden und niemand über deine Marke schreibt, ändert eine Textdatei im Wurzelverzeichnis daran nichts. Woran es tatsächlich hängt, steht in unserem Beitrag darüber, wie man in KI-Suchmaschinen gefunden wird.

Sie ersetzt keine Crawler-Entscheidung. Siehe oben. Wer aussperrt, sperrt in der robots.txt aus.

Sie ersetzt kein technisch sauberes HTML. Ein noindex, ein falsches Canonical oder eine Seite, die ohne JavaScript leer ist, wirken weiter, egal was in deiner llms.txt steht. Die Grundlagen bleiben die Grundlagen — für klassische Suche wie für KI-Antworten, und so steht es auch in demselben Google-Leitfaden. Was dazugehört, steht in den On-Page-SEO-Grundlagen; ob deine Seite sie erfüllt, sagt dir ein technischer Check in wenigen Sekunden.

Sie ist nicht überprüfbar. Kein Bericht in der Search Console, keine Kennzahl, kein Vorher-Nachher. Messen kannst du nur die Abrufe in deinen Server-Logs — und genau das solltest du tun, bevor du der Datei irgendeine Wirkung zuschreibst.

Und was ist mit „schadet ja nicht“?#

Das ist das übliche Gegenargument, und es stimmt sogar: Google sagt selbst, die Datei schade der Sichtbarkeit nicht. Eine halbe Stunde Arbeit, kein Risiko — warum also nicht?

Weil „schadet nicht“ nur für den Tag der Veröffentlichung gilt. Danach ist die Datei ein Artefakt, das mit jedem Relaunch mitwandert, in jedem Audit auftaucht und bei jeder Inhaltsänderung nachgezogen werden muss.

Der echte Schaden ist ohnehin selten technisch. Er liegt darin, dass eine erledigte Datei sich anfühlt wie eine erledigte Aufgabe — und die Stunde für den Text fehlt, der tatsächlich zitiert würde. Diese Verwechslung von Aufwand mit Wirkung begegnet dir in fast jedem Projekt zur KI-Automatisierung.

Wer sie anlegen sollte — und wer nicht#

Leg sie an, wenn du eine technische Dokumentation oder API-Referenz betreibst, deren Leser mit Cursor, Claude Code oder ähnlichen Werkzeugen arbeiten. Dort wird die Datei gelesen, weil ein Mensch sie ausdrücklich übergibt. Und nur, wenn dein Build sie erzeugen kann.

Lass es, wenn du eine Unternehmens-Website, einen Shop, ein Magazin oder eine Kanzlei betreibst. Dein Publikum reicht deine Domain keinem Entwicklerwerkzeug, und die Suchmaschine, von der dein Verkehr kommt, ignoriert die Datei nach eigener Auskunft.

Kein Zwischenweg: Wenn niemand in deiner Zielgruppe die Datei je anfragt, ist sie kein kleiner Gewinn, sondern gar keiner.

Häufige Fragen#

Nutzt Google llms.txt? Nein. Google schreibt in seinem Leitfaden zur generativen KI-Suche, dass Google Search die Datei ignoriert und dass ihre Existenz Sichtbarkeit und Rankings weder verbessert noch verschlechtert.

Ist llms.txt ein offizieller Standard? Nein. Ein Vorschlag von Jeremy Howard, veröffentlicht im September 2024, inzwischen in Fassung v2. Keine Standardisierungsorganisation und keine Suchmaschine hat ihn verabschiedet.

Was ist der Unterschied zwischen llms.txt und llms-full.txt? llms.txt ist ein Verzeichnis mit Links und kurzen Beschreibungen. llms-full.txt enthält den gesamten Inhalt in einer Datei und steht nicht in der Spezifikation. Bei Cloudflare unterscheiden sich die beiden um mehr als den Faktor 3.000.

Blockiert llms.txt KI-Crawler? Nein, sie steuert überhaupt nichts. Zugriff regelst du in der robots.txt und auf Serverebene.

Woher weiß ich, ob meine llms.txt gelesen wird? Aus deinen Server-Logs. Filtere auf den Pfad /llms.txt und sieh dir an, welche Nutzeragenten sie abrufen und wie oft. Das ist die einzige belastbare Messung, die dir zur Verfügung steht.

Kurz gefasst#

llms.txt ist ein gut gemeinter Vorschlag für ein reales Problem: Modelle haben wenig Platz, Websites viel Beiwerk. Gelöst hat er das bisher nur dort, wo ein Mensch das Werkzeug ausdrücklich auf eine Dokumentation richtet.

Google ignoriert die Datei nach eigener Auskunft, OpenAI und Perplexity nennen Seitenbetreibern die robots.txt, und ein großer Teil der sichtbaren Verbreitung stammt von Doku-Plattformen, die sie automatisch erzeugen.

Für Entwicklerdokumentation: anlegen, aber automatisch erzeugen lassen. Für alles andere: die Stunde in den Inhalt stecken.